Wohnquartier am Bürgerhaus Mainz-Kostheim

Nutzungsart
Wohnen
Städtebau, Urbanität & Landmarks
Gewerbe
Ausbildung
Kultur
Barrierefreiheit
Projektzeitraum
2019
Typus
Neubau
Status
Wettbewerb/Wbw

ArGe SCHOYERER ARCHITEKTEN_SYRA und Christ.Christ. associated architects 

1.) Städtebau

An der Schnittstelle zwischen Mainz-Kastel und Mainz Kostheim schlagen die Verfasser einen Stadtquartier vor, welches sich allseitig angemessen auf das jeweilige Gegenüber bezieht, d.h. die Quartierskanten bleiben geschlossen, dort wo es der Schallschutz erfordert und werden geöffnet, wo es quartiersübergreifende Bezüge gibt. Trotz der Kantenlängen von ca. 110 m gelingt es den Blockrand mittels Versätzen und Knicken an die ortsübliche Maßstäblichkeit anzugleichen. An den Anschlussstellen beziehen sich die Trauf- und Attikahöhen auf die unmittelbare Nachbarschaft (max. 3 Geschosse). Im weiteren Verlauf steigen die Dachkanten gleichmäßig an. Es entwickelt sich eine durchgängige Dachlandschaft und diese formt sich am Quartiersplatz zu einer markanten und von weitem wahrnehmbaren Silhouette mit bis zu 8 Geschossen an der höchsten Stelle. Der Quartiersplatz auf dem nordöstlichen Quadranten ist sowohl baulich über eine Passage an der Kostheimer Landstraße und einer Öffnung zum Bürgerhaus, als auch über sein öffentliches bzw. halböffentliches Nutzungsangebot, gut an den Stadtraum angebunden. Die restlichen drei Quadranten bieten im emissionsgeschützten Innenbereich ein ruhiges, autofreies und durchgängiges Kontinuum von Gartenräumen, besiedelt mit fünf dreigeschossigen Punkthäusern. Die Erschließung erfolgt über zwei parallele Wege und die Straße am Ostrand - somit ist das gesamte Wohnquartier an der Kostheimer Landstraße angebunden (Adressbildung). Das hier vorgeschlagene Bebauungskonzept weist eine GRZ von 0,4 auf. Im Sinne einer nachhaltigen Quartiersentwicklung wird wie folgt ein lebenswertes Wohnumfeld mit Aufenthalts- und Nutzungsqualitäten und eine ökologische Gestaltung der öffentlichen und privaten Grün-/ Freiflächen zur Stärkung der Biodiversität vorgeschlagen:

2.) Freianlagen und Grünkonzept

2.1.) Öffentliche und Halböffentliche Freiräume/Freianlagen

Der Quartiersplatz im nordöstlichen Quadranten wird als Schnittstelle zum angrenzenden Stadtraum ausgebildet. Dieser barrierefrei erreichbaren und von der Kostheimer Landstraße abgeschirmten Platzfläche, sind erdgeschossig alle Sondernutzungen wie Kindertagesstätte, Bäckereishop, Fahrradservicestation, Waschsalon, Co-Working-Space, Gastronomie und der Gemeinschaftsraum (Wohngruppe) zugeordnet. Um eine große Dorflinde herum laden, an den Platzkanten, Schaufensteranlagen mit einem sinnvoll kombinierten und attraktiven Nutzungsangebot zum Verweilen und Austausch ein. Diese wohldimensionierte Platzfläche öffnet sich diagonal auf der einen Seite zum Kinderspielplatz und zum ruhigen Innenbereich und auf der anderen Seite geht sie in den Bereich Bürgerhaus über.

2.2.) Private und halbprivate Freiräume/Freianlagen

Der autofreie Innenbereich ist als Freiflächenkontinuum angelegt - vom Kindergarten-Freiraum über die kleinen „Kiezplätze“ (zwischen den Hauseingängen), bis hin zu den Mietergärten. Alle EG-Wohnungen liegen im Hochparterre und abgesehen von den EG-Wohnungen entlang der östlichen Erschließungsstraße und dem Quartiersplatz, haben alle Wohnungen höhengleiche Zugänge zu den Mietergärten. Weil diese Gliederung von halbprivat zu privat den Bewohnern alle Möglichkeiten der Kommunikation und des Rückzugs bietet, wird sich ein verantwortungsvoller Umgang mit den Außenräumen einstellen - die Bewohner werden sich mit ihrem Kiez identifizieren.

2.3.) Grünkonzept

Das vorgeschlagene Grünkonzept setzt einerseits neue Maßstäbe und führt andererseits sinnvolle bestehende Komponenten, wie die Begrünung der Vorgartenbereiche und die Baumreihe entlang der Kostheimer Landstraße, fort. An der südlichen Grundstücksgrenze wird ein 7m breiter Streifen von Bebauung und von Wegeführung freigehalten und bleibt als Steinfeld/Trockenfläche mit Retentionsmulden naturbelassen. Im ruhigen Innenbereich werden die Gartenanlagen gezielt mit Einzelbäumen (sommerlicher Wärmeschutz) ergänzt und an raumwirksamen Stellen auch mit großen Baumkronen ausgestattet. Die Bodenaufbauten der Wegeflächen, des Quartiersplatzes, des Sportplatzes und von Terrassen werden unversiegelt ausgeführt. Sämtliche Dachflächen werden intensiv/extensiv begrünt und auf den Dachterrassen und den Wohnungsloggien und -Balkonen sind individuell Trog-Bepflanzungen möglich. Zudem bietet sich auf einer Teilfläche des Parkhauses Urban-Gardening an. Die hofseitige Fassade des Parkhauses wird vollflächig begrünt. Insgesamt dienen diese Maßnahmen zur Förderung der Verdunstung, Niederschlagsspeicherung und –Versickerung.

2.4.) Aufschüttungen

Alle EG-Wohnungen liegen im Hochparterre und bis auf die EG-Wohnungen an der östlichen Erschließungsstraße und dem Quartiersplatz haben alle Wohnungen durch die Aufschüttung (Baugrubenaushub) einen höhengleich zugänglichen Mietergarten. Der Bereich des Wegenetzes bleibt frei von Aufschüttungen – hierdurch bleiben die Mietergärten in ihrer Privatheit geschützt.

3.) Verkehr und Ruhender Verkehr

Weil fast alle KFZ-Stellplätze (160 Stück) parallel des Gleisfeldes in einem 2-geschossigen Parkhaus untergebracht werden, bleibt der gesamte Innenbereich autofrei. Die Fassade des über die östliche Erschließungsstraße erreichbaren Parkhauses wird zum Gleisbett nur durch ein Stahlnetz geschlossen. Somit ist die natürliche Belichtung und Belüftung gewährleistet (Berankung möglich). Nur Fahrzeuge der Müllentsorgung und der Feuerwehr gelangen über den westlichen Erschließungsweg und den Quartiersplatz auf das Gelände und haben dort Wendemöglichkeiten. In Ergänzung zu den vorhandenen ÖPNV-Haltestellen an der Kostheimer Landstraße werden weitere nachhaltige Mobilitätsangebote wie Car-Sharing und Leihrad-Station entlang der östlichen Erschließungsstraße angeboten. Zudem gibt es entlang des Parkhauses Ladestationen für E-Bikes und E-Lastenbikes und eine Fahrradabstellanlage mit 256 Doppelstockparkern, weitere Fahrradparker sind den jeweiligen Hauseingängen zugeordnet. Die einzige quartiersübergreifende Verbindung an das bestehende Fuß- und Radwegenetz führt entlang der Nordfassade des Parkhauses.

4.) Architektur und Technische Anforderungen

4.1.) Gebäude / Wohnungen / Wohnungsmix

 Gebäude A: Die Hauseingänge sind zur Kostheimer Landstraße gelegen. In den Geschossen befinden sich familiengerechte 4 ZKB, 5 ZKB und altersgerechte 2 ZKB (2 Pers., barrierefrei) Wohnungen. Die Wohnungen werden als Vierspänner über ein außenliegendes Treppenhaus erschlossen, was ein sehr gutes Wohnflächen-/ Erschließungsflächenverhältnis erzeugt. Sämtliche Wohnräume und Loggien sind zum Innenbereich hin orientiert. Das Erdgeschoss ist 0,8 m über das angrenzende Terrain abgehoben, ebenso die angrenzenden Mietergärten wodurch eine natürliche Trennung der halböffentlichen und privaten Bereiche erzeugt wird. Für die Wohnungen, welche ausschließlich zum Innenbereich gelegen sind, wird ein zweiter baulicher Rettungsweg hergestellt. Gebäude B (Vierspänner): Die Hauseingänge sind zur Kostheimer Landstraße und zum Bürgerhaus gelegen. Im Erdgeschoss sind die geforderten Gewerbeflächen untergebracht. Zusätzlich zu der Bäckerei, dem Gemeinschaftsraum für das Wohnprojekt, dem Waschsalon, dem Co-Working-Bereich und der Fahrradwerkstatt wird eine Gastronomiefläche vorgeschlagen. Die Wohnungen werden als Ein- bis Vierspänner über ein außen liegendes Treppenhaus erschlossen. In den Obergeschossen, welche sich parallel zur Kostheimer Landstraße befinden, sind die Low-Cost-Wohngemeinschaften, die Clusterwohnungen, 2 ZKB (1 Pers., barrierefrei), 2 ZKB (2 Pers., barrierefrei), 3 ZKB, 4 ZKB, und eine 6 ZKB Wohnungen untergebracht. In dem Gebäudeteil, welches parallel zum Bürgerhaus gelegen ist befindet sich in den Obergeschossen das Wohnprojekt mit 2 ZKB (1 Pers.) und 2 ZKB (2 Pers.) Wohnungen, sowie weitere 2 ZKB, eine 5 ZKB und eine 6 ZKB Wohnung. Sämtliche Wohnräume und Loggien sind zum Innenbereich / Quartiersplatz hin orientiert. Durch die schräge (terrassierte) Ausformung des Dachbereichs entsteht ein differenziertes Angebot von Dachgeschosswohnungen mit Dachterrassen und –gärten (Patiowohnungen). Gebäude C (Zweispänner): Die Punkthäuser haben offene, außen liegende Treppenhäuser (Zweispänner). In den Punkthäusern sind familiengerechte 4 ZKB Wohnungen untergebracht. Die Mietergärten sind 1,4 m vom angrenzenden Terrain abgehoben. Auf dem Dach werden gemeinschaftliche Flächen angeboten. Gebäude D (Innengang-/ Laubenganghaus): Für die Wohnnutzung sind ein Hauseingang am Quartiersplatz und ein Hauseingang an der Straße zum Bürgerhaus gelegen. Im mittleren Bereich des Erdgeschosses ist die Kindertagesstätte positioniert, deren Haupteingang zum Quartiersplatz gelegen ist. Die Gruppenräume sind nach Süden zu dem 726 m² großen Freibereich orientiert. Die Geschosse des Innenganghauses werden über drei Treppenhäuser angedient. Die Flure werden im Bereich zum Bürgerhaus zu Laubengängen und sind größtenteils mit dem Gebäude E und dadurch mit der Quartiersgarage verbunden. In den Geschossen befindet sich ein differenzierter Mix aus 2 ZKB (1 Pers., barrierefrei), 2 ZKB (2 Pers., barrierefrei), 2 ZKB (2 Pers.), 3 ZKB (barrierefrei), 3 ZKB, 4 ZKB, 5 ZKB (barrierefrei) und 5 ZKB Wohnungen. Einem Teil der Wohnungen sind Mietergärten zugewiesen. Sämtliche Wohnräume und Loggien sind zum Innenbereich bzw. Quartiersplatz hin orientiert. Auch hier sind das Erdgeschoss und die Mietergärten 0,8 m vom angrenzenden Terrain abgehoben. Auch die Dächer des Gebäudes D sind schräg (terrassiert) ausformuliert, wodurch das Angebot von Penthouse Wohnungen mit Dachterrassen und -gärten ergänzt wird. Gebäude E (Laubenganghaus): Im Erd- und 1. Obergeschoss des Gebäudes ist die Quartiersgarage mit insgesamt 160 Stellplätzen untergebracht. Die Wohnungen werden über Laubengänge angedient. An den Laubengängen sind zwei Treppenhäuser gelegen. In den Geschossen wird ein Mix aus 2 ZKB (2 Pers.), 3 ZKB, 4 ZKB und 5 ZKB Wohnungen angeboten. Sämtliche Wohnräume und Freisitze sind zum Innenbereich hin orientiert. Durch die schräge Ausformulierung der Freisitze und Fassaden der Wohnräume haben diese eine optimale Ausrichtung nach Westen. Auch in diesem Gebäude gibt es ein Angebot von Dachgeschosswohnungen mit Dachterrassen. Im 2. und 3. Obergeschoss werden Mietergärten für „Urban Gardening“ angeboten.

4.2.) Gemeinschaftsflächen / Sondernutzungen

Alle Gemeinschaftsflächen bzw. Sondernutzungen stellen erdgeschossig ihre attraktiven Angebote am Quartiersplatz dar und liegen somit orientiert an der Kostheimer Landstraße und zum Bürgerhaus. Über dem Wohnen im Hochparterre läuft die EG-Decke durch und dementsprechend erhalten die folgenden Sondernutzungen eine lichte Raumhöhe von ca. 3,00 m: - 4-zügige Kindertagesstätte im Gebäude D mit ebenerdigem Außenbereich zum Innenhof. - Bäckereiverkauf, Gemeinschaftsraum (Wohnprojekt), Waschsalon, Co-Working-Bereich und Fahrradwerkstatt im Gebäudes B. E-Lastenradstation, ESWE-Fahrradverleihstation und Einkaufstrolley-Station liegen an der östlichen Fassade zum Bürgerhaus. Große Fahrradabsellanlage (256 Räder) gegenüber der Parkhausfassade.

4.3.) Energiekonzept

Ausgangsbasis des Energiekonzeptes ist die Minimierung des Energieverbrauchs und bevorzugte Verwendung regenerativer Energie. Aufgrund der besonderen Nähe zum Rhein erscheint die Geothermienutzung zur Gebäudeheizung inkl. Aufbau eines sogenannten „Kalten-Nahwärmenetzes“ sinnvoll. Ziel dieser Konzeption soll der komplette Verzicht auf den Einsatz fossiler Brennstoffe wie z. B. Erdgas, Erdöl sein. Entgegen einer Wärmeversorgung über ein klassisches Fernwärme-/Nahwärme-Netz mit Vorlauftemperaturen von 70 bis 90 °C, wird das „Kalte-Nahwärmenetz“ nur mit Temperaturen von etwa 5 bis 25 °C betrieben. Durch die Sonden- und Versorgungsleitungen zirkuliert ein Wasser-Glykol-Gemisch (Sole) und nimmt die Temperatur des Erdreichs auf. Ein- oder mehrere zentrale Bohrfelder dienen dabei als gemeinschaftliche Wärmequelle für die Versorgung einzelner Verbraucher bzw. Gebäude. Über eine separate Verteilstation erfolgt die Anbindung an ein zentrales Ringleitungssystem. Dieses Versorgungsnetz transportiert die aus der Wärmequelle gewonnene Energie, zu den dezentral angeordneten Wärmepumpenanlagen in den Haustechnikräumen der jeweiligen Gebäude. Optionale PV-Anlagen auf den Dächern und im speziellen an der Südfassade des Gebäude-E zur Bahntrasse, liefern den elektrischen Strom für den Betrieb der Wärmeversorgungsanlage. Dachflächen Für die Dachfläche wird - in Abhängigkeit mit dem gewählten Energiekonzept - beim Einsatz von Solarenergie ein Solargründach vorgeschlagen. Dadurch wird gewährleistet, dass die komplette Dachfläche begrünt werden kann bei der gleichzeitigen Nutzung der Sonnenenergie.

  • Lageplan

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