Karlsplatz Mannheim
ArGe SCHOYERER ARCHITEKTEN_SYRA und BIERBAUM.AICHELE.landschaftsarchitekten
... eine Laufmaschine, durch Manneskraft getrieben, bahnt sich ihren Weg durch die Ebene. Sanft wogen die Gräser der offenen Wiesen im Wind und die alten knorrigen Bäume spenden dem Radler auf seinem Gefährt im eilenden vorbei etwas Schatten...
So kann man sich wohl bildhaft die Szenerie vorstellen, als vor ca. 200 Jahren Karl Drais erstmals auf seiner Laufmaschine vom Mannheimer Schloss Richtung Schwetzinger Relaishaus fuhr.
Leitidee/ Gestaltungsthema
Dort, wo einst idyllische Rheinauen ein ruhiges Landschaftsbild prägten, definiert heute der Kartsplatz als wichtiger Verkehrsknotenpunkt das Entree zum Stadtteil Rheinau. Um wieder einen bildhaften Dialog zum Ursprünglichen zu schaffen, knüpfen wir mit dem gestalterischen Leitgedanken an dem Bild der damaligen Landschaft an. ln den nicht verkehrlich genutzten Bereichen, kommen auf leicht modelliertem Gelände großflächig Ziergräser (Stipa calamagrostis Lemperg) mit locker überstellten Baumgruppen (wiederverpftanzte Bestandsbäume sowie Neupflanzungen unter Beachtung der Hochspannungsleitungen) zum Einsatz. Durch dieses "lebendige Pflanzenbild" soll der durch Verkehr geprägte Stadtraum optisch beruhigt werden. Durch jahreszeitlich unterschiedlich geprägte Aspekte (wilde Narzissen im Frühjahr, Ziergräser im Wandel der Jahreszeiten) wird das Gesamterscheinungsbild des Kartsplatzes kontinuierlich über das Jahr immer wieder neu in Szene gesetzt.
Die Metapher hin zur ursprünglichen. idealisierten Landschaft als Reminiszenz, wird durch die Einfassung des Kreisels nach außen durch einen "schwebenden Rahmen" besonders hervorgehoben. Mit Beginn der Dämmerung wird dieser Effekt durch ein im Belag integriertes Lichtband, welches den gesamten Kreisel umschließt, zusätzlich inszeniert.
Die "Wiesenfelder" sind durch ein ca. 20-40 cm hohes Stahlband eingefasst. Hierdurch wird einerseits ein Queren der Flächen erschwert, zudem können Sitzauftagen zum Warten und Verweilen sinnvoll integriert werden.
Bike & Ride
Die bike & ride Anlage der Fa. Ziegler-PEGASUS ordnet sich analog zur Großfigurnach Osten zur Wachenburgstraße hin (in einem herstellungsüblichen Radius von ca. 39,00 m) an. Hierdurch wird eine optimale Stellplatzausnutzung von über 40 Stellplätzen erzielt und zusätzliche Fläche gewonnen um das "Rheinwiesenthema" auch in den nordöstlichen Bereich des Kreisels zu transportieren.
Fahrgastunterstände
Die Fahrgastunterstände werden gem. RNV Standard von der Fa. JCDecaux vorgesehen und sind im Bereich Bus-/ Stadtbahnhaltestelle doppelseitig angeordnet. Ebenso denkbar ist der Einsatz des Prototyps von Netzwerkarchitekten (vergleiche hierzu Tag-/ Nachtperspektive ).
Beläge
Verkehrlieh genutzte Belagsflächen werden in Beton/Asphalt ausgebildet. Die Bahnsteige sowie die ausschließlich fußläufig genutzten Flächen, wie beispielsweise, entlang der bike & ride Anlage oder des Platzes vor der Umspannstation, werden mit Pflaster bzw. Platten ausgebildet. Die Belagsflächen werden in gräulich-anthraziten Farbnuancen untereinander abgestimmt, um somit eine Differenzierung zwischen nur fußläufig genutzten Flächen von Mischflächen kenntlich zu machen.
Ausgleichsbilanzierung
Das Verhältnis von versiegelter zu unversiegelter Fläche bleibt vor und nach der Maßnahme in etwa gleich. Die Ersatzpflanzungen für die zu fällenden Bäume sind auf dem Karlsplatz vorgesehen.
Sonderflächen/Teilflächen (zur Gestaltung freigegeben Flächen)
Die an den Kreisel angrenzenden Sonder- bzw. Teilflächen, werden als ruhige Wiesenflächen mit zweimaliger Mahd vorgeschlagen. Das innerhalb des Kreisels artifiziell umgesetzte Wiesenbild erlangt hierdurch sein natürliches Passepartout.
Beleuchtung
Neben der Eigenbeleuchtung der Haltestellen, bike & ride Anlage sowie derUmspannstation, werden zusätzlich drei Masten angeordnet die über eine additive Anordnung mehrerer Leuchtenkörper verfügen und eine optimale und individuelle Ausleuchtung des Gesamtraumes gewährleisten. Ihr, sich nach oben verjüngendes, leicht geschwungenes Design, erinnert an überdimensionale Grashalme und integriert sich somit wie selbstverständlich in die Gesamtgestattung.
Hochbau
Der Gebäudebestand Gleichrichterwerk/Trafogebäude wird gemäß Raumprogramm mit dem Schaffner-Aufenthaltsraum mit WCs und einem öffentlichen WC erweitert. Das Walmdach wird abgetragen und die Gesamtkubatur wird mit einer neuen Attika architektonisch zusammengefasst. Diese Attika wird in Anlehnung an die Wartehallen von Netzwerkarchitekten über dem vorgelagerten Zugangsbereich kubisch erhöht, so dass dieser Vorbereich für die Nutzer eine innenräumliche Wirkung erhält. Darüber hinaus bildet diese Dachüberhöhung auch stadträumlich eine prägnante Figur.
Betriebsgebäude gehören zur technischen Infrastruktur einer Stadt. Oft werden diese ohne jeglichen Gestaltungsanspruch erstellt, in der kurzsichtigen Annahme, somit wirtschaftlicher zu Bauen. Diese belanglosen Gebäudehüllen stellen oftmals Keimzellen für Verwahrlosung und Vandalismus dar und verursachen auf Dauer stetig Renovierungs-, bzw. Reinigungskosten, ohne jemals eine tatsächliche Qualität zu erreichen. Aus der bei zahlreichen Verkehrsarchitekturen gewonnenen Erfahrung, dass mit entsprechender Oberflächenausbildung Vandalismus vorgebeugt werden kann, schlagen die Verfasser auch beim Projekt Karlsplatz in Mannheim wie folgt eine nachhaltige Gestaltung vor:
Der massive Gebäudekern wird monochrom im Farbton "Verkehrsorange RAL 2009" eingefärbt und erhält im Abstand von 11 cm eine im Wartungsfalle abnehmbare Gitterrostfassade aus feuerverzinktem Stahl. Diese tiefe Fassade stellt für Graffiti und Wildplakatierung nachhaltig einen ungeeigneten Untergrund dar.
Die Gitterrostfassade besteht aus Einzelflächen mit unterschiedlichen Tragstababständen. Daraus ergeben sich unterschiedliche Transparenzen, d.h. je nach Blickwinkel tritt die Farbigkeit des Gebäudekerns hervor.
So wie die OP-Art (optische Kunst: V. Vasarely, J .R. Solo, G. Uecker, etc.) in den 60er Jahren den Betrachter direkt in die Bedeutung des Kunstwerkes integrierteder Betrachter erhält kein fertiges Bild, sondern wird mit einer Situation konfrontiert, die seine Reaktion erforderlich macht - so machen die Architekten sich den Bewegungsfluss des Betrachters zunutze, welcher als Verkehrsteilnehmer und somit in Bewegung, das Gleichrichterwerk niemals als statisches Bild oder Objekt sieht. Vielmehr bietet sich dem Betrachter eine Folge von Kontrastwechseln, durch welche der monochrome Kubus unterschiedlich intensiv hervortritt.
Conceptual Image
…an early bicycle-like machine, powered by human strength, makes its way across the plain. The grasses of open meadows sway gently in the wind, and the old gnarled trees provide some shade for the rider rushing by on their vehicle…
This image evokes the scene about 200 years ago, when Karl Drais first rode his “running machine” from Mannheim Palace toward the Schwetzinger Relay House.
Guiding Idea / Design Theme
Where idyllic Rhine meadows once shaped a tranquil landscape, today Karlsplatz functions as a major traffic hub, marking the entrance to the Rheinau district. To create a visual dialogue with the original landscape, the design draws inspiration from the historical natural imagery.
In non-traffic areas, gently contoured terrain is planted with large areas of ornamental grasses (Stipa calamagrostis ‘Lemperg’) interspersed with loosely arranged tree groups (replanted existing trees and new plantings, considering high-voltage lines). This “living plantscape” visually softens the traffic-dominated urban space. Seasonal variations—wild daffodils in spring, ornamental grasses through the year—continuously refresh the appearance of Karlsplatz.
The metaphor of the original, idealized landscape is highlighted by a “floating frame” surrounding the roundabout. At dusk, this effect is enhanced by a light strip integrated into the paving that encircles the entire roundabout.
The “meadow fields” are edged with approximately 20–40 cm high steel bands. These not only discourage pedestrians from crossing, but also allow for seating elements for waiting or resting.
Bike & Ride
The bike & ride facility, by Ziegler-PEGASUS, is oriented to the east toward Wachenburgstraße along a standard radius of approximately 39 m. This layout allows for optimal use of over 40 parking spaces and expands the area where the “Rhine meadow” theme extends into the northeastern section of the roundabout.
Passenger Shelters
Bus and tram shelters comply with RNV standards and are provided by JCDecaux. Shelters are arranged on both sides of the stops. Use of the prototype by Netzwerkarchitekten is also conceivable (see day/night perspective).
Paving
Traffic areas are paved in concrete and asphalt. Pedestrian-only areas, such as around the bike & ride facility or in front of the transformer station, are paved with cobblestones or slabs. Pavement tones are coordinated in gray-anthracite shades to differentiate pedestrian-only areas from mixed-use areas.
Compensation / Replacement Planting
The ratio of sealed to unsealed surfaces remains roughly the same before and after the project. Replacement trees for those to be felled are planted on Karlsplatz.
Special Areas / Partial Areas (Design-Ready Spaces)
Special and adjacent areas to the roundabout are designed as calm meadow spaces, mowed twice a year. The artificially created meadow within the roundabout gains a natural framing through these surrounding fields.
Lighting
In addition to lighting at the stops, bike & ride facility, and transformer station, three additional masts are installed. Each mast supports multiple light fixtures to provide optimal and customized illumination of the entire area. The slightly curved, tapering design resembles oversized blades of grass, integrating naturally into the overall landscape.
Buildings / High-Rise Elements
The existing rectifier/transformer building is extended according to the spatial program with a Schaffner break room, restrooms, and a public toilet. The hipped roof is removed, and the building mass is unified with a new parapet. The parapet is elevated cubically over the entrance area, echoing the waiting hall designs by Netzwerkarchitekten, creating a spatial effect for users. This roof elevation also forms a prominent urban figure.
Operational buildings are part of a city’s technical infrastructure. They are often built without design consideration in a short-sighted effort to reduce costs. These nondescript building shells can become targets for vandalism, leading to ongoing maintenance and cleaning costs without providing real quality.
Based on experience in transport architecture, where surface design can prevent vandalism, the Karlsplatz project proposes a sustainable design:
- The massive building core is monochromatically painted in “Traffic Orange RAL 2009.”
- At 11 cm intervals, a removable steel grating façade is installed. This façade provides a graffiti- and poster-resistant surface.
- The grating panels have varying support bar spacing, creating differing transparencies. Depending on the viewer’s angle, the building core color appears more or less prominently.
Similar to Op Art (V. Vasarely, J.R. Solo, G. Uecker, etc.) of the 1960s, the viewer is engaged rather than presented with a finished image. The moving observer, as a traffic participant, experiences the rectifier building not as a static object, but as a sequence of contrasts where the monochrome cube emerges differently depending on perspective.
Wettbewerbe
| 2013 | Shortlist / Stadtraum - Wettbewerb |



