Aufstockung Architektenkammer Rheinland-Pfalz Mainz
Mainz und seine Provisorien aus der Nachkriegszeit
1873 wurde nach kaiserlicher Genehmigung die Stadterweiterung beschlossen und in den Folgejahren die Neustadt nach den Plänen von Eduard Kreyßig errichtet. Seine Grundidee war die Erschließung durch ein symmetrisches, gitterförmiges Straßensystem aus Längs- und Querachsen, die durch grüne Alleen und Plätze aufgelockert werden. Seine Planungen orientierten sich an der Umgestaltung von Paris im 19. Jahrhundert durch Baron Haussmann.
Status Quo
Die Architektenkammer Rheinland-Pfalz betreibt ihre Landesgeschäftsstelle am Hindenburgplatz 2-6 in Mainz, in einem sehr sachlichen Nachkriegsbau, bar jeder Eigenschaft oder Ambition mit dem Stadtraum in Austausch zu treten. Klassische Themen wie Blockrandschließung, Eckbetonungen und Erker, Hochparterre und Eingangsportale kennt das Gebäude nicht und im Bereich des erdgeschossigen Flachdachanbaus verweigert sich das Gebäude komplett der Interaktion mit dem Städtebau, welcher seit knapp 150 Jahren die Neustadt prägt.
Zur Aufgabenstellung
Dieses Provisorium aus der Nachkriegszeit ist mit seiner autistischen Gebäudehülle für eine Nutzung mit kommunikativem Auftrag eine schwere Bürde – ein echtes Dilemma für die Architektenkammer! Umso weniger verständlich sind daher die profillosen Anforderungen der Aufgabenstellung: „durch die Aufstockung des eingeschossigen Erdgeschossbereichs sollen zusätzliche Büroräume geschaffen werden - die übrigen Raumbereiche der Landesgeschäftsstelle sollen im Wettbewerb nicht bearbeitet werden“. Als Beurteilungskriterien werden funktionale Kriterien genannt, glücklicherweise wird noch architektonische Qualität abgefragt, aber städtebauliche Positionen scheinen hier ausdrücklich nicht verlangt, so als ginge es um die Bebauung einer beliebigen Gewerbegebietsparzelle und nicht um einen Ort mit Genius Loci. Staubtrocken geht es darum, im EG die Raumstruktur unverändert zu belassen und im OG den Raumbedarf zu ergänzen, obwohl die EG-Decke nicht für eine Aufstockung vorgesehen ist.
Im Grunde spiegelt die Aufgabenstellung das o.g. städtebauliche und architektonische Dilemma wider und die Verfasser weigern sich, die vorhanden Mängel zu verfestigen und die Aufgabe nur in der funktionalen Raumprogrammerfüllung zu sehen - als gäbe es in der Architekturgeschichte bei repräsentativen Bauten (oder zählt die Landesgeschäftsstelle der ARCHITEKTEN-Kammer nicht dazu?) keine Gliederungen und Schichtungen - kein Piano Nobile oder keine Bel Étage!?
Wer schon mal ein Seminar bei der Architektenkammer besucht hat, weiß um die unglückliche Raumausrichtung und die daraus resultierenden Interaktionen und um das Raumklima, denn Vorträge werden (nicht nur im Hochsommer bei offenen Fenstern) zwangsläufig durch Passanten gestört. Bevor sich dieses Provisorium und somit dieses Dilemma weiter manifestiert, schlagen die Verfasser eine gründliche Revision der Aufgabestellung vor – schließlich wird die Landesgeschäftsstelle nur ca. alle 25 bis 30 Jahre umgebaut (zuletzt 1995).
Zu Architektur und Städtebau
Unter genauer Beachtung der konstruktiven Vorgaben schlagen die Verfasser eine klassische Nutzungsschichtung vor – unten die Nebenräume (in diesem Falle die Büros, denn das Funktionieren darf vorausgesetzt werden) und oben die Beletage mit Vortrags-, Konferenzräumen und Foyer, denn nur hierdurch teilt sich die Architektenkammer dem Stadtraum sichtbar mit, wenn das Foyer belebt ist und in den Räumen getagt und diskutiert wird, denn das ist das Bild, welches die Kammer auch nach Außen kommunizieren sollte, damit der Berufsstand in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird!
Die turmartige Erhöhung an der Gebäudeecke fungiert in beide Richtungen als Laterne, ohne die Forderung nach der Blickfreiheit aus dem 2. Bestands-OG wirklich zu schmälern. Übrigens werden auch künftige Seminare davon profitieren, wenn nicht mehr der ausgeführte Hund die Aufmerksamkeit der Teilnehmer beansprucht, sondern der Vortragende. Eine Beletage hat nicht nur funktionale Vorteile, sondern auch ganz klassische stadträumliche Wirkung.
Nutzungsschichtung /-optimierung, Raumkonfigurationen und Barrierefreiheit
Durch die Nutzungsschichtung und Verlagerung der Konferenz- und Besprechungsräume nach oben in die Beletage gekoppelt mit dem großzügigen Foyer, können bis zu 3 Besprechungen oder kleinere Konferenzen mit bis zu 50 Teilnehmer gleichzeitig, oder auch eine große Konferenz mit knapp 100 Teilnehmern stattfinden. Besonders an heißen Sommertagen werden Konferenzen erträglicher, da das Foyer zu zwei Seiten komplett geöffnet und quergelüftet werden kann, während der Dachvorsprung über der Terrasse in den Sommermonaten die Einstrahlung der hochstehenden Sonne stark reduziert und im Winter ein tageslichterfülltes Foyer ermöglicht. Auch die nordwärts eingeschnittenen Fenster im Konferenzsaal sorgen für ein angenehmes, weil schattenfreies Tageslicht.Abgehängte Akustikdecken kompensieren (besonders im Foyer) die Schallreflektionen des hohen Glasanteils.
Selbstverständlich ist die Beletage über einen treppenbegleitenden Podestlift vom Eingangsbereich der AK direkt erreichbar.
Zur Konstruktion - Massiv mit Holz bauen
Die Konstruktion der Aufstockung ist statisch vollkommen von dem Ur-Tragwerk gelöst und spannt freitragend mittels einer Lignatur-Systemdecke über das Gebäude, ohne die bestehende Deckenkonstruktion zu belasten. Sämtliche vertikalen Lasten werden über die Bestandsattika in darunterliegende Außenwände eingeleitet. Über schubfeste Verbindungen werden horizontale Aussteifungslasten ebenfalls in die steifen Außenwandscheiben des vorhandenen Massivbaus eingeleitet.
Die vorhandene Decke über dem Versammlungsraum, die insbesondere auch brandschutztechnisch keinen ausreichenden Feuerwiderstand aufweist, braucht nicht ertüchtigt zu werden. Im Brandfall dient sie als „konstruktives Hitzeschild“. Die Holzkonstruktion wird nach den Anforderungen des Brandschutzes und der Statik ausgelegt.
Lignatur-Systemdecken bestehen aus Hohl-Kastenelementen, die stützenfrei über große Spannweiten - wie die hier gegebenen 12 m - problemlos überspannen kann. Das System erfüllt die Brandschutznormen, wirkt schalldämmend und wird als Fertigteil, inkl. technischer Einbauten geliefert und kann so in kurzer Zeit trocken errichtet werden. Darüber hinaus kann das Element brandschutztechnisch ertüchtigt, Schall reduzierend, akustisch wirksam und wärmedämmend konfiguriert werden, ohne die statische Höhe zu überschreiten. Es reguliert die Raumluft-Feuchte und schafft so ein behagliches und ausgeglichenes Raumklima - im Sommer wie im Winter. Eine Lignatur-Decke entspricht unbestreitbar der Auffassung eines modernen und nachhaltigen Baustoffes und kann auch mit Gründach verwirklicht werden.
Lignotrend-Außenwände erfüllen die gleichen Anforderungen, können insbesondere auch als zwischengedämmtes Fertigteil geliefert werden, welches beliebige Außenfassaden tragen kann. Damit schafft man alle Vorteile des Holzbaus miteinander zu vereinen und die Dimensionen auf ein statisches Minimum zu reduzieren.
MAINZ AND ITS POST-WAR TEMPORARIES
In 1873, following imperial approval, the city expansion was decided, and in the subsequent years the Neustadt was constructed according to the plans of Eduard Kreyßig. His fundamental concept was a layout organized by a symmetrical, grid-like street system of longitudinal and transverse axes, softened by green avenues and public squares. His planning drew inspiration from Baron Haussmann’s 19th-century redesign of Paris.
CURRENT STATUS
The Rhineland-Palatinate Chamber of Architects operates its state office at Hindenburgplatz 2–6 in Mainz in a very utilitarian post-war building, which entirely fails to engage with the urban context. Classical architectural themes such as block closure, corner accents, bay windows, raised ground floors, or entry portals are absent. In particular, the single-story flat-roof extension at ground level completely refuses interaction with the urban fabric that has defined the Neustadt for nearly 150 years.
TASK DEFINITION
This post-war provisional building, with its insular façade, presents a major challenge for a function with communicative objectives—a real dilemma for the Chamber of Architects. The competition brief’s sparse requirements exacerbate this: “By raising the single-story ground floor, additional office spaces should be created—the remaining areas of the state office shall not be addressed in the competition.” Functional criteria are cited as evaluation standards, with only a minimal reference to architectural quality, while urban design considerations are explicitly omitted. Essentially, the brief treats a site in the city as if it were a generic commercial plot, disregarding its inherent Genius Loci. The aim is to leave the ground-floor layout unchanged and supplement the upper floor, even though the existing ground-floor ceiling was not designed for an additional story.
Fundamentally, the brief mirrors the architectural and urban dilemma described above. The authors refuse to merely solidify the building’s deficiencies or limit the task to functional program fulfillment—as if historical representative buildings (or the Chamber’s state office) do not possess hierarchies, piano nobile, or bel étage. Anyone familiar with Chamber seminars knows the challenges of spatial orientation, room climate, and pedestrian disturbances during presentations, especially in summer. Before this provisional structure further entrenches the dilemma, a thorough revision of the brief is proposed, given that the state office is only refurbished roughly every 25–30 years (last in 1995).
ARCHITECTURE AND URBAN DESIGN
Within the given structural constraints, the authors propose a classical spatial hierarchy: ancillary rooms at the lower level (here, offices for daily functionality) and the bel étage above for lecture rooms, conference spaces, and the foyer. Only through this arrangement does the Chamber visibly engage with the city when the foyer is active and the rooms are in use, communicating the professional identity of the architects to the public.
The tower-like corner extension functions as a lantern in both directions without compromising sightlines from the existing second floor. Future seminars will benefit as well: attention will shift from distracting external stimuli to the speaker. A bel étage not only offers functional advantages but also classic urban design impact.
FUNCTIONAL LAYERING / SPACE CONFIGURATION AND ACCESSIBILITY
By relocating conference and meeting rooms to the upper bel étage with the generous foyer, up to three simultaneous meetings or small conferences of up to 50 participants can take place, or a large conference with nearly 100 attendees. On hot summer days, ventilation is improved as the foyer can be fully opened on two sides. The roof overhang above the terrace reduces direct sunlight in summer and allows daylight-filled spaces in winter. North-facing inset windows in the conference hall provide comfortable, shadow-free daylight. Suspended acoustic ceilings compensate for sound reflections, especially in the foyer. The bel étage is fully accessible via a platform lift integrated into the main staircase.
CONSTRUCTION – SOLID STRUCTURE WITH TIMBER
The upper-floor extension is structurally independent of the original load-bearing framework, spanning freely across the building with a Lignatur system ceiling without overloading the existing structure. All vertical loads are transferred through the existing parapet into the underlying exterior walls. Horizontal bracing loads are transferred into the rigid exterior walls via shear-resistant connections.
The existing ceiling above the assembly room, which does not provide sufficient fire resistance, does not need reinforcement. In case of fire, it functions as a “structural heat shield.” The timber structure is designed according to fire safety and static requirements. Lignatur system ceilings consist of hollow box elements that can span large distances—here up to 12 meters—without intermediate supports. The system meets fire protection standards, provides sound insulation, and is delivered prefabricated with integrated technical installations, allowing for rapid, dry assembly. Additionally, it can be configured for enhanced fire protection, sound reduction, acoustic performance, and thermal insulation without exceeding structural height. The ceiling also regulates indoor humidity, creating a comfortable and balanced climate year-round. A Lignatur ceiling represents a modern, sustainable building material and can be combined with a green roof.
Lignotrend exterior walls meet the same standards and can be delivered as prefabricated, insulated elements capable of supporting any façade design. This approach combines all the advantages of timber construction while minimizing structural dimensions.









